Rumkommen und Rum trinken - Das Gold der Karibik und mehr Montag, 27.10.2014: Erfurt - Barbados Nun sitze ich hier wieder in einem Flieger Richtung Amerika, aber ohne ESTA, denn die USA sind dieses Mal nicht das Ziel. Es geht weiter in den Süden, in die Karibik, zu den kleinen Antillen. Liming, den ganzen Tag lang, das soll es sein. Liming bedeutet abz
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11.12.2014
Rumkommen und Rum trinken - Das Gold der Karibik und mehr
Mittwoch, 05.11.2014: Grenada
Ich stehe früh auf, habe vor die Insel zu erkunden und noch keinen echten Plan. Ich fahre nach einem selbst gemachten Frühstück auf dem Balkon los, bekomme in St. George's wieder mal einen kleinen Anfall, weil die Navi mit dem Berechnen wieder mal nicht nachkommt, werde geduldig von einem Polizisten erst an den Rand der Straße bugsiert, auf dass er mir den Weg erklären kann und finde mich dann zum Glück wohlbehalten auf der Straße Richtung Grand Etang wieder, einem Nationalpark, in dem es um den Regenwald und einen Kratersee in einem erloschenen Vulkan geht.
Der Regenwald ist düster verhangen, die Luftfeuchtigkeit so hoch, dass meine Straßenkarte labbrig wird und fast zerfällt, und kühl ist es hier auf fast 800 Metern Höhe, sodass die Einheimischen, die mir etwas später begegnen, langärmlige Pullover übergezogen haben.
Ich blicke auf den Regenwald, in dem viele alte Baumriesen durch den Orkan Ivan 2004 zerstört wurden, auf den im Nebel etwas duster wirkenden See, der, als sich die Wolkendecke etwas lichtet, ein wenig freundlicher wirkt, fahre zum See selbst und mache mich,dann auf den Weg quer über die Insel.
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Hatte ich bereits erwähnt, dass ich heute den Durchhänger habe, den ich auf jeder Reise für 1 bis 2 Tage habe?
Es beginnt mit dem Fahren auf der Insel, das ich,als ausgesprochen anstrengend empfinde. Die Straßen sind steil und eng und kurvig, und an einigen Stellen ist direkt neben der Straße ein im 90-Grad-Winkel abfallender offener Graben, sodass ich Angst habe zu weit nach links zu kommen. Permanent bin ich jemandem im Weg. Die Buslinien werden mit privaten Minibussen bedient. Etwa jede Minute habe ich einen hinter mir. Alle hupen und wollen vorbei. OK, ergebe ich mich in mein Schicksal: Wann immer mir auf den engen, schmalen und teilweise schlechten Straßen jemand an einer Engstelle entgegen kommt oder hinter mir ist, bin ich diejenige, die links ran fährt, ergibt ja sonst nur Stress. Spaß macht es aber nicht, das Fahren hier, und als ich auch noch den Abzweig zu einem Wasserfall verpasse, den ich ansehen wollte, überlege ich überzeugte Selbstfahrerin angesichts der Mietwagenpreise und des anstrengenden Fahrens hier, ob es nicht besser gewesen wäre sich auf der Insel herumfahren zu lassen.
Ich sehe einen Hinweis zu den Seven Sisters Waterfalls, und da ich gerade schon versehentlich den Abzweig zum Annandale Waterfall übersehen habe, soll nun dieser dran glauben.
Ein Junge winkt mich auf den Parkplatz, hier sei ich richtig. Der Besitzer des Wasserfalls fragt mich, ob ich einen Guide will. Ach Quatsch, wenn ich den Weg finde, brauche ich den nicht. Er: Aber das ist eine Meile Weg und ich sei ganz allein. Ich: Das macht mir nichts. Er: OK! Er denke nur, ich als Frau allein, man wisse ja nie. Ich: Na, ist das denn gefährlich? Er: Er hat bisher nichts gesehen, aber das wisse man ja nie, schließlich sei ich als Frau allein, das könne jemanden auf dumme Gedanken bringen, ob ich nicht lieber wenigstens meine Tasche im Auto lassen wolle?
Nein, ich marschiere los. Nach wenigen Schritten begegnen mir die Insaßen des einzigen anderen Autos dort, ein weißes Paar mit Taxifahrer. Ob ich als Frau ganz allein zum Wasserfall wolle, fragt der Fahrer. Da sei aber niemand, ob ich keine Angst habe? Ich: Gibt es denn etwas, wovor ich Angst haben müsse? Na, das wisse er nicht, aber ich sei als Frau ganz allein, na, lass dich nicht von den Krokodilen fressen, ha ha ha.
Na, so schlimm kann das doch nicht sein, es sind doch immer Leute in Sichtweite. Ein paar Feldarbeiter und ein Bagger schaufelt etwas abseits vor sich hin.
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Ich gehe auf die erste Kurve zu. Dort steht eine Gruppe Männer, trinken sich offenbar in Stimmung. Der eine kommt auf mich zu, und im Gegensatz zu den vielen anderen hier, die lediglich mit einem Gruß und einem netten belanglosen Satz an mir vorbeigehen in diesem Urlaub, kommt er von ferne grüßend mit ausgestreckter Hand auf mich zu, während die Kumpels etwas weiter sich den nächsten Rum genehmigen. Nee, das ist die Masche, die ich gar nicht leiden kann, die meistens von den sowieso schon unseriös wirkenden Typen kommt und meistens mindestens in einem Verkaufsgespräch endet. Er heiße Kenny (Zahnlücken, verdreckte, zerfetzte Klamotten und Trinkergesicht), könne mir auch seinen Ausweis zeigen, am Wasserfall sei niemand und...
OK, schon verstanden, du bist also einer der Typen, vor denen die anderen beiden gewarnt hatten. Während der Hinweis der beiden anderen besorgt wirkte, empfinde ich dein Angebot auf mich aufzupassen fast schon als Schutzgelderpressung.
Nee, so habe ich keinen Spaß. Ich habe keine Lust von noch mehr dubiosen Typen angequatscht zu werden und mich fragen zu müssen, wie weit die wohl gehen, besonders wenn sie als 'Guide' abgewiesen werden. Und dein Ausweis hilft mir auch nicht, wenn ich ausgeraubt und geschändet tot unterm Wasserfall liege. Ich erinnere mich an den klugen Rat, den ich vor ein paar Tagen erst in einem Reiseforum gegeben habe (sei wachsam bei Warnungen vertrauenswürdiger Einheimischer und höre auf deine Intuition). Ist auch egal, ob da nur meine heute zarte Seele eine Rolle spielt, so schön kann kein Wasserfall sein, dass ich bei drei schlechten Zeichen auf den ersten 200 Metern unbedingt noch weiter gehen muss. Ich kehre um mit endloser Wut im Bauch.
Unterwegs ist es auch ganz nett...
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Ich fahre weiter und lande ich Grenville. Hatte ich doch ein ähnlich nettes Dorf wie Anse La Raye erwartet, finde ich hier aber nicht einmal einen Parkplatz, und ewig das Gehupe hinter mir, und die beiden Betriebe, in denen ich mir Muskatnuss erklären lassen wollte, finde ich ebenso wenig wie das Kap mit dem Aussichtspunkt.
Unglücklich fahre ich weiter und folge aus Verzweiflung der Beschilderung zum Belmont Estate, einer Plantage, auf der man sich unter anderen die Kakaoproduktion erklären lassen kann.
Ich habe verschiedenes im Bauch, nämlich Hunger und Wut. Als Erstes bekämpfe ich den Hunger und weiß auch, dass mein Auftreten bei den wirklich ausgesprochen sanften, lieben und bemühten Mitarbeitern im Restaurant unwirsch wirkt. Aber ich habe keine Lust auf Smalltalk und weiß auch nicht, warum man für die Rechnung unbedingt meinen Namen braucht, zumal ich derzeit der einzige Gast hier bin. Aber ich werde liebevoll betreut und gebe fast reuevoll ein großzügiges Trinkgeld für das Buffet, das extra für mich als ersten Gast in aller Eile schnell fertig gestellt wird und für die wirklich aufmerksame Betreuung, das alles für weniger Geld als erwartet.
Eine nette junge Dame erklärt mir in einer individuellen Führung die Kakaoherstellung und ich komme ein wenig runter. Es ist sehr interessant, zumal ich normalerweise achtlos wirklich Unmengen an Schoki vertilge und hier sehe, wie aufwändig echte Bioschokolade ohne Pestizide und Koservierungsmittel immer noch in Handarbeit hier hergestellt wird.
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Ich entscheide mich für die südliche Küstenstraße und bedaure, dass es so wenige Möglichkeiten zum Anhalten gibt.
Ich will St. George's noch eine Chance geben und finde auf Anhieb keinen Parkplatz. Ich weiß nicht, ob es nett oder geschäftstüchtig von dem jungen Mann ist, der vor dem Auto hersprintet um mich zu einem Parkplatz zu geleiten, zu dem ich eigentlich gar nicht will. Ich bin irgendwann in den engen steilen Straßen am Fort George gefangen und verfluche den Typen, der es vielleicht nur nett gemeint hatte. Irgendwie finde ich wieder raus und parke an der Carenage.
St. George's ist ohne Kreuzfahrttouristen sehr entspannt, als ob die ganzen Geschäftemacher Kraft schöpfen für den nächsten Ansturm, der irgendwann naht. Ich habe die Stadt für mich und söhne mich mit ihr aus.
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Ich genieße das Nachmittagslicht, kaufe kurz vor der Abfahrt in einer Bakery noch ein Roti mit Hühnchen zum mitnehmen und zwei süße Teilchen und sitze eine halbe Stunde später zum täglichen Bad im Meer an der Morne Rouge Bay, 3 Minuten von meiner Zimmertür entfernt, wo ich im Wasser am so gut wie menschenleeren Strand den Sonnenuntergang erlebe.
Der Blick aus meinem Hotelzimmer nach der Rückkehr:
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Aber das soll noch nicht alles gewesen sein. Da ich ja hier noch zwei Abende habe und im Vorbeifahren keine weiteren Restaurants gesehen habe und ich nicht einmal das Hotelrestaurant in Augenschein genommen habe, gehe ich nach meinem Roti im Zimmer noch spazieren, am dunklen, vom Vollmond beschienenen Grand Anse Beach entlang. Ich finde heraus, welche Strandbar nett erscheint und dass auch das Hotelrestaurant nett erscheint und setze mich vor dem Hotelrestaurant in einen bequemen Holzsessel um den Reisebericht zu schreiben.
In Minutenschnelle steht ein junger Mann neben mir, stellt die typischen Fragen nach dem Woher und Wohin und wie lange schon hier usw., und ich fresse 'nen Besen, wenn es nicht der Exhibitionist von gestern ist. Ich versuche nett zu bleiben und erkläre ihm, dass ich zu tun hätte und gerne allein sein würde. Er trollt sich an die bekannten Picknicktische einige Meter weiter.
Ein Raucher kommt aus der Bar und stellt sich neben mich, ein Wissenschaftler aus South Carolina, er lebt berufsbedingt seit vielen Jahren auf der Insel. Während ich mich mit ihm unterhalte, meine ich ziemlich sicher charakteristische Handbewegungen von besagtem Picknicktisch aus den Augenwinkeln beobachten zu können, dann geht der Typ.
Ein Kellner bringt mir meinen täglichen Rumpunsch. Als er den zweiten bringt, ruft er plötzlich, oh, da seien so viele Sea Turtles, ob ich die gesehen hätte? Booooaaaahaaaaa, wie toll! Der total nette Kellner und ich sammeln die Turtles in eine Plastikbox ein und noch ein Kellner kommt hinzu. Es sind sicher 20 Stück, sie sind frisch geschlüpft. Der Kellner: „Could you do me a favour…“ Von wegen, wer tut hier wem einen Gefallen, nichts lieber als das, ich darf den Turtles ins Wasser helfen. Und während ich das schreibe, muss ich fast ein bisschen weinen vor Glück ob der Überraschung, die Grenada mir hier bereitet, als ob die Insel sich für das ungebührliche Verhalten ihrer Bewohner bei mir entschuldigen will. Ich muss den einen oder anderen kleinen zum Restaurant ins Licht strebenden Dummkopf nochmal in die richtige Richtung Wasser stupsen. Have a safe Trip! Ach wie schöööööön!
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Ich sitze wieder auf meinem Platz, der Raucher kommt wieder und weitere zwei Seaturtles krabbeln im Sand. Das findet auch der amerikanische Zeitgenosse spannend. Plötzlich kommen seine Kollegen hinzu und der Kellner, wir alle quatschen aufgeregt durcheinander.
Ich habe mit den Bürgern meines oft bereisten und inzwischen ein bisschen in den Hintergrund geratenen Lieblingslandes noch sicher eine Stunde gequatscht, auch völlig abseits der üblichen Sprüche. Die beiden, die übrig blieben, nachdem zwei weitere Kollegen sich verabschiedet hatten, hatten schon eine Menge von der Welt gesehen und ich kenne ja sowohl South Carolina ein wenig, wo der eine herkommt und auch Albuquerque, wo der andere viele Jahre lebt. Erst beim Auschecken aus dem Hotel bekomme ich mit, dass diese offenbar meine Rechnung für diesen Abend heimlich, still und leise mit beglichen hatten.
Die Erkenntnis des Tages: Grenada stürzt mich in ziemliche Höhen und Tiefen.
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