Incredible India - meine neue, große, bunte, aufregende Liebe Madam, your car is ready for you now! Ein wenig orientierungslos laufe ich durch die Reiseführerabteilung des Hugendubel und überlege, was es abends zu essen geben könnte. Kochen? Nee, zu müde. Also was bestellen. Aber was? Oder gehst du doch noch schnell ein paar Zutaten für Spaghetti Aglio
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10.11.2013
Incredible India - meine neue, große, bunte, aufregende Liebe
SO, 28.10.: Sightseeing Varanasi
Gegen 8.30 Uhr geht es los in die Stadt. Heute macht ein Tuk Tuk Fahrer das Rennen, denn er will nur die nach meiner Info angemessenen 50 INR von mir. Allerdings darf das Tuk Tuk nicht so weit in die Stadt fahren wie die Cycle Rikschas, sodass dieses Mal ein etwas längerer Spaziergang vor mir liegt.
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Was nun? Ich will die Ghats entlang gehen und die Altstadt erkunden. Es wird mir etwa alle 5 Sekunden ein "boat, very cheap" angeboten. Irgendwann frage ich mich, warum ich mir die in der Morgensonne liegende Stadt nicht wirklich vom Wasser aus ansehen will. Zu der überall empfohlenen Bootstour bei Sonnenaufgang werde ich mich ja wohl sowieso nicht aufraffen können. Nach harter Verhandlung zahle ich wohl immer noch viel für das Ruderboot.
Wir lassen uns flussabwärts treiben. Die tollen alten und halb verfallenen Paläste liegen in der Sonne. Vom Boot aus kann ich malerische Badeszenen beobachten, Wäschewaschen, Geschäftemachen, Touristen, Pilger und Heilige. Tempel stechen hervor. Für den Fotoapparat gibt es viel zu tun.
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Es geht bis zum Verbrennungsghat Marnikanika. Ich kann es kaum glauben. Meterhohe Holzstapel. Ein Feuer kann ich sehen und auf der Vergrößerung eines Fotos erkenne ich später, dass der orangene Fleck direkt am Ganges ein verhüllter toter Körper ist. Ich bin fasziniert, kann weder hinsehen noch wegschauen, weiß nicht, ob ich lachen, weinen oder schreien soll.
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Der Schiffer rudert mich zur anderen Seite des Ganges (dieses Mal also wirklich des Flusses). Hier ist es friedlicher und ruhiger, ich genieße den Blick auf die Stadt aus der Ferne. Auch hier baden Pilger, Fischerboote sind unterwegs, Fische springen über das Wasser. Ein Fischernetz verfängt sich in unserem Boot, die Besitzer kommen heran und befreien es wieder.
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Es herrscht ein wenig Seeurlaubatmosphäre, eine ruhige, heitere Stimmung. Fast vergesse ich den Dreck der Stadt am anderen Ufer, hier ist es richtig idyllisch. Ich tauche die Hand in den Mutterfluss. Das Wasser umspielt sie sanft und warm.
Wir halten am sandigen Ufer. Der Wasserstand ist niedrig, sodass viel freie Fläche zu sehen ist, fast wie Strand. Der Schiffer will wissen, wie viele Söhne ich habe und warum ich allein bin. Um ihn nicht zu verwirren, erfinde ich einen erkrankten Ehemann im Hotel und aus Trotz habe ich keine Söhne, sondern zwei Töchter, die in Deutschland geblieben sind, weil sie studieren.
Hier am Ufer lebt ein echter Sadhu, kein Foto-Sadhu. Echte Sadhus wollen Einsamkeit, erklärt der Schiffer. Wir gehen direkt zu ihm, er reagiert nicht. Er sitzt dort und wühlt in Sämereien, die auf einer Plane vor ihm ausgebreitet sind. Ich möchte mich fast nach der versteckten Kamera umsehen. Fast traue ich mich wieder mal nicht ihn zu fotografieren, er streckt auch nicht die Hand aus, es ist aber offenbar auch kein Problem für ihn von mir abgelichtet zu werden. Er scheint uns gar nicht wahrzunehmen.
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Weil es so schön war, verabrede ich mit meinem Schiffer abends nochmals loszufahren. In der Zwischenzeit will ich die Altstadt erkunden.
Auf dem Plan im Reiseführer sieht wieder mal alles easy aus, aber im Gewirr der Gassen finde ich nichts. Ist mir irgendwie auch nicht so wichtig. Ich habe in den letzten zwei Wochen so viele Tempel gesehen, dass ich hier nichts abhaken muss und will. Das Gewirr ist doch so viel spannender.
Ich lande in einem Shop. Wie kann es auch anders sein, natürlich überkommt mich nun schon fast am Ende der Reise ein Kaufrausch. Die Ware ist die Gleiche wie in dem "highly recommended in your Lonely Planet"-Shop in Jodhpur, kostet jedoch nur einen Bruchteil. Schals für alle Gelegenheiten gibt es hier bis hin zu einem, der fast schon eine Decke ist. Der Verkäufer macht mit mir sicher das Geschäft seines Lebens, aber ich bin ja auch zufrieden. "Are you happy? If you are happy, I am also happy" hört man hier überall. Auf deutsch heißt das wohl in Sachen Geschäftemachen vor allem "zufriedene Kunden kommen wieder", und daran ist ja auch etwas Wahres.
Nun brauche ich dringend einen ATM, lasse mir vom Shopbesitzer den Weg erklären und lasse mich durch die Gassen treiben.
So langsam müsste ich mal irgendwo ankommen, hier im Gewirr der Altstadtgassen voll von Shops. Immer wieder werde ich angesprochen. Nein, er sei kein Guide, nur jemand, der es gut mit mir meine, der mir etwas über sein Land berichten wolle, behauptet jeder von ihnen. Und wenn ich allein gehen wolle, könne ich das tun, er habe eben zufällig den gleichen Weg.
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Ich gehe weiter. Man will mir den Weg zum Burning Ghat weisen. Au weia, da habe ich doch ein bisschen Schiss, bin gleichzeitig fasziniert.
Leben und Tod sind in Varanasi so nah beieinander. Zunächst steht dekorativ ein allerliebstes blütenweißes Lämmchen vor einer Tür, hinter der nächsten Ecke wird es düster, riesige Holzstapel sind aufgebaut. Immer wieder schleppen Männer große Stämme an mir vorbei. An einer Stelle heißt es, hier dürfe ich nicht durch, ich könne mich dorthin stellen und gucken, aber nicht fotografieren. "Respect, Madam!" Einer der aufdringlichen Menschen, die allesamt keine Guides seien und es nur gut mit mir meinen, erklärt mir, von dem Gebäude direkt vor mir könne ich runterschauen. Das Gebäude ist düster vom Rauch.
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Völlig surreal, was sich mir auftut. Beißender Rauch der derzeit sechs Feuerstellen steigt mir in die Augen, sodass ich wie viele Inder und Inderinnen im Smog meinen Schal vor das Gesicht binde. Mehrere Tote liegen auf Bambusgestellen am Ufer, eingehüllt in leuchtend orange Tücher. Von den Angehörigen wird ihnen nochmals Wasser gereicht. Sie werden dann auf die Feuerstelle gelegt, die orangenen Tücher werden entfernt, bis nur noch ein Baumwolltuch übrig ist. Sie werden mit Holz bedeckt, unter den Stapel wird dann brennendes Stroh geschoben. Ist das Feuer nach drei Stunden heruntergebrannt, kommen die Angehörigen mit einem Priester, das Feuer wird mit Gangeswasser abgelöscht, die Überreste kommen in den Fluss.
Ich kann wieder mal nicht hinsehen und nicht wegschauen. Angst oder Ekel löst die Szenerie aber nicht aus, zu surreal ist das, was ich sehe. Vor allem baden direkt neben dem burning Ghat Menschen im Wasser, in Shops werden Süßigkeiten verkauft. Ziegenböcke kämpfen miteinander. Ich bin schwer beeindruckt und völlig fasziniert.
Leider werde ich hier nicht in Ruhe gelassen. Ein sehr aggressiver "Volunteer" will mir was "erklären". Ich beachte ihn nicht. Das hilft nicht. Ich gehe an eine andere Stelle des Gebäudes. Er folgt mir. Warum ich denn sauer auf ihn sei an diesem heiligen Ort? Was ich denn den langen Weg aus meinem Heimatland gekommen sei, wenn ich mich nicht für die Kultur interessiere. Aber wirklich, er wünsche mir alles Glück der Erde und ein langes Leben. Nur bitte möge ich daran denken eine Donation zu hinterlassen, schließlich sei ich hier in einem Hospiz, in das die Ärmsten der Armen zum Sterben gekommen seien, 72 Kranke und Alte lebten hier, das solle mir schon einen Tausender wert sein, sagt er, während er auf zwei alte Mütterchen auf der Treppe zeigt.
Am liebsten würde ich ihm sagen, dass er doch bitte an diesem heiligen Ort nicht diejenigen verarschen solle, die sich für seine Kultur interessierten und dass er hier nicht irgendwelche alten Menschen hinsetzen solle, die gegen 90% Provision für ihn Mitleid erregend gucken und die Hand aufhalten. Er wirkt aber so aggressiv und ich bin mit dieser speziellen Situation so wenig vertraut, dass ich mich nicht traue.
Mir wird ein wenig unheimlich. Ich bin hier sowohl die einzige Frau als auch der einzige weißhäutige Mensch. Um des lieben Friedens willen drücke ich der einen der beiden Alten einen Fünfziger in die Hand, was von ihm und seinem Begleiter mit einem erbosten Aufschrei quittiert wird. Einen Tausender brauche das Hospiz, nicht weniger, schallt es mir von beiden Seiten in die Ohren. Und er? Was bekomme er nun für seine Erklärungen und seine Mühe mit mir? Fluchtartig verlasse ich das Ghat und atme zum ersten Mal in Indien erleichtert auf, als ich wieder in die Normalität eintauchen kann.
Es geht noch zum nepalesischen Tempel, auch den muss ich erst suchen. Hier ist es ruhig. Den Eintritt nimmt ein kleiner Junge entgegen. Ich kann hier wieder ein bisschen durchatmen.
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Viel mehr bekomme ich von den Sehenswürdigkeiten der Stadt heute nicht zu sehen. Aus Spaß am Wühlen in den bunten Murmeln kaufe ich noch eine Kette aus Glasperlen. Der Verkäufer ist nett. Die Kette hat einen Fehler. Ja, seine Mutter macht die Ketten, sie sieht nicht mehr allzu gut.
Jemand will mir noch einen Kasten voller Stempel aufdrücken. Er sei Student, brauche Geld für seinen Abschluss. Ich erkläre ihm bei jedem seiner immer weiter sinkenden Preise für das Kästchen mit Stempeln und Farbe, dass ich daran nicht interessiert sei. Das interessiert wiederum ihn nicht.
Als ich zwei verstümmelten alten Bettlerinnen jeweils einige Rupies in die Hand drücke, möchte er auch. Er könne arbeiten, die beiden alten Frauen hingegen haben keine Chance, erkläre ich ihm und gebe ihm nichts. Irgendwann nach sicher einer viertel Stunde gibt er dann endlich auf.
Es ist dringend Zeit für eine Pause. Und so setze ich mich in ein Dachrestaurant am Ufer, esse und trinke etwas. Das war heute wirklich viel und wirklich heftig!
Ich suche mir den Weg zurück zum Main Ghat, wo schon mein Schiffer wartet für die vereinbarte Nachmittagstour. Hierfür würde ich allerdings eher ein Motorboot empfehlen, denn das kann direkt am Ufer auf der Stadtseite entlang fahren, während das Ruderboot bei der Strömung hier nicht durchkommt. Ist ganz nett, aber diese Fahrt wäre verzichtbar gewesen, zumal auch der im Grunde sehr sympathische Schiffer nun ganz offensichtlich versucht auszuloten, was er mir noch alles gegen Geld anbieten kann. Er bringt das Gespräch auf die berühmte Seidenproduktion hier in der Stadt und fragt, ob ich Bier möge oder Whisky und Rum trinke, ob ich nicht Lust auf Party mit Dinner auf einem Hausboot habe. Selbstverständlich trinke ich als anständige Frau nie Alkohol.
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OK, da lasse ich mich wieder an Land bringen und sehe mir von einem Logenplatz für 50 Rupies auf einem der am Ufer liegenden Boote die Evening Celebration wieder an. Heute kaufe auch ich ein Opfer und setze es mit dem sehr egoistischen Wunsch nach einer Rückkehr hierher auf dem Ganges aus. Ich verfolge das Licht und hoffe, dass es seinen Weg stromabwärts finden wird.
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Heute esse ich im Hotel. Dorthin allerdings ist es weit. Die Tuk Tuk Fahrer und Rikschafahrer kennen alle schon den Namen meines Hotels und wissen,dass ich allein unterwegs bin. Da muss ich nichts sagen. Der Rikschafahrer, den ich dann anheuere, weiß auch, dass ich die Cyclerikscha bevorzuge, weil ich die schon gestern genommen habe.
Im Hotel lasse ich mich ein bisschen mit Essen, zwei Cocktails und ein bisschen vertrauter Normalität versorgen, habe allerdings auf den dortigen Smalltalk mit den Mitarbeitern keine Lust und ziehe mich früh ins Zimmer zurück.
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