Incredible India - meine neue, große, bunte, aufregende Liebe Madam, your car is ready for you now! Ein wenig orientierungslos laufe ich durch die Reiseführerabteilung des Hugendubel und überlege, was es abends zu essen geben könnte. Kochen? Nee, zu müde. Also was bestellen. Aber was? Oder gehst du doch noch schnell ein paar Zutaten für Spaghetti Aglio
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10.11.2013
Incredible India - meine neue, große, bunte, aufregende Liebe
DO, 01.11.: Sightseeing Delhi and Leaving India
Die letzten Stunden sind angebrochen. Ab heute Mittag kann ich sie an den Fingern abzählen.
Heute habe ich nicht mehr viel vor. Ich will durch das Viertel Pahar Ganj bummeln, irgendwo noch etwas essen, den Nachmittag nochmals am Pool entspannen. Warum sonst habe ich das teure zentrale Hotel mit Pool genommen?
In den vergangenen drei Wochen habe ich ja gelernt, dass die Basare erst gegen 10 Uhr öffnen. Aber ich will ohnehin vorher noch zum Sikhtempel um die Ecke marschieren. Schön, so relativ früh am Morgen allein unterwegs zu sein. Die ganzen Nervbacken müssen offenbar erst noch auf Touren kommen.
An einem kleinen Hindu-Tempel geht es vorbei:
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Bereits den Sikh-Tempel in Pushkar habe ich als wohltuend wenig dogmatisch und respektvoll erlebt. Hier wird das noch übertroffen.
Tuch über den Kopf, Schuhe aus und los geht es. Die Tempelanlage ist großzügig. Sie weist ein großes Bassin auf, in dem neben Fischen auch ein Mann badet. Was das in dieser Religion wohl für eine Bedeutung hat?
Melodiös werden Verse rezitiert, das wird in der gesamten Tempelanlage übertragen. Ich umrunde einmal das Bassin, beobachte den eigentlichen Tempel ein wenig aus der Ferne.
Dann gehe ich in den Tempel. Gläubige verneigen sich vor dem zentralen Altar oder wie immer es auch in dieser Religion heißen mag und sitzen rund herum auf dem Boden. Ich setze mich dazu, sehe zu und lausche den Klängen. Fotografieren darf ich hier nicht.
Als ich das Innere verlasse, bin ich nicht mehr die einzige Westliche. Inzwischen haben sich noch einige Touris eingefunden.
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Ich weiß inzwischen über den Sikhismus, dass Abkehr von Riten und Aberglauben, Gleichberechtigung, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit wichtig sind. Auch das Streben nach Bildung, Ansehen und Wohlstand werden gepflegt. In den Tempeln gibt es kostenfrei Essen, Schwächere werden geschützt. Das gefällt mir. Und so verwundert es im Grunde nicht, dass mein mit dem Token für die Schuhaufbewahrung fast schon aus Gewohnheit rübergereichtes Trinkgeld mit fast erschrockener und entrüsteter Miene abgelehnt wird.
Ist doch eigentlich eine viel bessere Möglichkeit an Geld zu kommen als Erpressung. Ich tausche den kleinen Schein in meiner Hand gegen einen Größeren aus und werfe ihn in eine Donation Box.
In die Tempelanlage integriert, eine Poliklinik. Jemand erklärt mir, dass man hier kostenfrei behandelt wird. Nee, lieber lasse ich mir hier keinen Zahn ziehen, auch wenn der Innenraum zwar schlicht, aber nicht haarsträubend wirkt.
Mir ist wehmütig und jammerig zumute, nur noch 18 Stunden bis zum Abflug. Indien zeigt sich empathisch, etwa gleichzeitig mit meinen Gedanken verdüstert sich auch der Himmel. Als ich den Tempel verlasse, weint der Himmel ein wenig. Ich weine nur fast mit.
Ich marschiere den etwa 20 Minuten langen Weg zu Paharganj. Hoffentlich regnet es sich nicht ein, Indien im Matsch kann mir gerne erspart bleiben. Am Straßenrand ein Häufchen Mensch, schon ein gewohnter Anblick: Klein, schmächtig, dreckig schlafend auf dem Bordsteinnzwischen Fußgängerweg und Straße. Schläft er wirklich nur so reglos? Hoffentlich!
Noch eine Überraschung hat das Land für mich bereit. Eher um ein bisschen vor dem Regen zu flüchten als aus echtem Kaufbedürfnis heraus flüchte ich in einen Laden mit Seide und Pashmina Schals. Ein indischer Kunde zahlt gerade. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, was er zahlt. Genau so einen Schal will ich auch., und zwar für genau den Preis!
Der Verkäufer entschuldigt sich, dass er erst jetzt Zeit für mich hat. Ich wühle in den weichen Tüchern, suche mir eins heraus und stelle mich auf harte Verhandlungen ein. Immer wieder betreten Inder das Geschäft. Ein gutes Zeichen, wie ich finde, obwohl ich mich hier mitten auf der schlimmsten Tourimeile befinde.
Er nennt mir einen Preis, bei dem ich zunächst denke, er hat vielleicht eine Null am Ende vergessen. Aber nein, hat er nicht. Na, wenn das so ist! Ich suche mir noch zwei Tücher der weichsten und leichtesten Qualität heraus und frage, ob ich nun Mengenrabatt bekomme. Der Preis sinkt, ich halte dagegen. Er kommt mir noch ein Stück entgegen. Ich hole 500 Rupies weniger aus meinem Portemonnaie und lege sie ihm hin: " Take it or leave it!" Er greift zu. Erst greift er nach meiner Hand um sie zu schütteln, dann greift er zu den Scheinen, die vor ihm liegen.
Ich lobe ihn ganz doll dafür, dass er nicht mit der Nervmasche kommt, dass er nicht drängt, nicht theatralisch ist. So gewinnt man zufriedene Kunden, bestärke ich ihn. Hätte er Stress gemacht, wäre ich ohne zu kaufen wieder gegangen. Ich schieße noch ein Foto von ihm mit seiner Ware und verspreche Werbung für ihn. Ich denke, wir sind beide zufrieden.
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Ich schlendere über den Connaught Place wieder zurück zum Hotel. Mac Donalds auf indisch will ich mir einmal geben, bestelle einen Veggieburger mit Pommes und Cola light. Auf dem Rückweg muss ich noch einmal zu Wenger's, den Laden fotografieren, noch ein paar Teilchen für den Nachmittag am Pool kaufen. Diese sind übrigens fast so teuer wie in Deutschland. Für 4 Teilchen bezahle ich umgerechnet fast drei Euro.
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Dann sitze ich am Pool tanke noch einige Sonnenstrahlen, nur noch 13 Stunden bis zum Abflug.
Ich marschiere nochmals in die Stadt. Auf dem Weg gehe ich vorbei an einer Gruppe kleiner (K)inder. Sie beachten mich nicht, wuseln wie kleine Puppen, allerdings sehr schmutzige Puppen ohne Aufsicht durcheinander und umeinander herum. Keine zwei Sekunden sind sie still, freuen sich, haben Spaß. Wo die wohl hingehören?
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Bisher bin ich beim Überqueren einer großen Straße hier immer im Windschatten versierter Hiesiger gelaufen um nicht unter die Räder zu kommen. Nun entdecke ich, dass es tatsächlich klammheimlich eine Unterführung gibt. Na, die ist mir dann doch lieber!
Ich lande wieder im selben Restaurant wie gestern. Warum eigentlich nicht? Es hatte gut geschmeckt, und nett ist man hier auch.
Bookstore am Wegesrand:
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Auf dem Rückweg begegnet mir ein(e) Hijra. Auf Deutsch würde man wohl "Transvestit" sagen. Sie/er bettelt die Autofahrer an. Ich musste erst einmal nachsehen, was das bedeutet. Es geht um Eunuchenkult. Hijras bringen Glück oder Pech. Und da das hier ein von glücklichen Zufällen geprägte Reise ist, gehe ich ganz fest davon aus, dass diese Hijra mir Glück bringen wird.
Wieder im Hotel mache ich mich abreisefertig, packe die letzten Sachen zusammen. Mir ist das Herz so schwer! Noch ein wenig surfen, obwohl ich ja eigentlich noch ein wenig schlafen wollte, schon ist es 23 Uhr. Ich checke aus und warte noch einige Minuten auf den Fahrer. Subash ist ebenso wie Anil superpünktlich, sodass ich deutlich mehr als drei Stunden vor Abflug am Airport ankomme. Der Check- In ist schnell erledigt. Vor der Ausreise muss man noch ein Formular ausfüllen, das ist mir glatt entgangen.
Indisches Geld darf ich nicht mitnehmen, aber ich will ja wiederkommen und dann brauche ich sicher wieder am Anfang kleine Scheine. Ich hasse es geldlos irgendwo anzukommen. Ein paar der Scheine reisen im aufgegebenen Gepäck mit, den Rest habe ich in einem Seitenfach meiner Tasche. Merkwürdigerweise bekomme ich auch in einem Restaurant nach der Ausreise noch Rupies zurück und am Gate steht neben mir ein Getränkeautomat, in den die Leute einen Schein nach dem anderen stecken. Auch das ist wohl wieder mal Indien ebenso wie die Sache mit den superwichtigen Securitychecks überall, bei denen ich mir sicher bin, ich könnte locker auch eine Atombombe mit reinschmuggeln.
Ach Mensch, wenn ich daran denke, mit welchem Herzklopfen ich vor drei Wochen hier eingereist bin, dass ich Grausiges zu sehen erwartet habe sofort nach Verlassen des Flugzeuges, dass ich vermutet habe, sofort mit dem ersten Berühren des Wasserhahnes mich durch und durch mit Bakterien zu verseuchen, die mir das Leben zur Hölle machen würden.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrete ich den Flughafen. Ach Indien, warum hast du dich so lange vor mir versteckt? Wolf im Schafspelz? Wohl eher Schaf im Wolfspelz! Sicher bin ich unwissentlich in so manche Falle getappt, bin ich in den USA aber auch schon, wenn ich an ein etwa 15 USD teures Eis mit zwei Kugeln denke, das ich mir einmal blauäugig im Venetian in Las Vegas gekauft habe.
Ich steige mit dem guten Gefühl ins Flugzeug, dass ich nun zwei tolle und völlig entgegengesetzte Lieblingsziele habe, geographisch, im Lebensstil, in der Mentalität, in der Geschichte und Kultur und im Reisestil. Die USA haben Konkurrenz und Kontrastprogramm bekommen. Indien wird mich ganz sicher wiedersehen!
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