Incredible India - meine neue, große, bunte, aufregende Liebe Madam, your car is ready for you now! Ein wenig orientierungslos laufe ich durch die Reiseführerabteilung des Hugendubel und überlege, was es abends zu essen geben könnte. Kochen? Nee, zu müde. Also was bestellen. Aber was? Oder gehst du doch noch schnell ein paar Zutaten für Spaghetti Aglio
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10.11.2013
Incredible India - meine neue, große, bunte, aufregende Liebe
DO, 17.10.: Pushkar to Bikaner
Es war wohl doch nicht so gut mittags in einer Kneipe zu essen, in der die Teller mit dem dreckigen Vorhang abgetrocknet werden, so lässig die Leute dort auch immer drauf waren. Die Auswirkungen sind nicht schlimm und mit einer Ladung Loperamid schnell in den Griff bekommen. Unangenehmer als die Stunde auf dem Klo ist die bange Frage im Halbschlaf für den Rest der Nacht, ob es wohl schlimmer werden würde. Zur Vorsicht verzichte ich auf das Frühstück und treffe mich um 8 Uhr mit Anil.
Vor uns liegt ein langer Ritt über eine ungeahnt schlechte Straße. Zwar ist nicht viel los, aber unser Durchschnittstempo liegt trotzdem kaum höher als 40 km/h. Die Straße hat Schlaglöcher und ist an vielen Stellen nicht einmal asphaltiert. Wir legen zwei Pausen ein, schließlich soll der Fahrer konzentriert bleiben.
Es bleibt viel Zeit sich zu unterhalten. Anil hat ein Einkommen von etwa 10000 Rupies pro Monat. Allein das Schulgeld für seine Tochter und den Schulbus beträgt 2300 Rupies im Monat. Was mag es selbst nach 22 Jahren in seinem Job auch heute noch in ihm auslösen, wenn die alleinreisende Deutsche am Flughafen leise vor sich hinschimpft, wenn der Automat nicht mehr als ein Monatseinkommen auf einmal ausspuckt, wenn sie dann mit einer zweiten Karte noch ein zweites Monatseinkommen zieht und wenn sie ohne mit der Wimper zu zucken für eine Nacht im Hotel ein halbes Monatseinkommen hinlegt? Wenn er mit Gästen unterwegs ist, muss er zunächst am Tag 400 bis 500 Rupies ausgeben, das ist viel für ihn. Ich sei glücklich in Deutschland zu leben. Ich beschließe die Klappe zu halten, wenn er mir erklärt, ein Hotel für umgerechnet 40 Euro die Nacht sei Geldverschwendung.
Und sein Handyladegerät im Auto ist nur noch mit einem dünnen Fädchen mit dem Stecker verbunden. Ich frage ihn, ob wir ihm ein Neues kaufen wollen. Er antwortet "not now". Ich krame in der Schublade für interkulturelle Kompetenz in meinem Gedächtnis und erkenne, dass er "nein danke" meint. Ich werde ihm also kein Ladegerät aufdrängen.
Erst kurz vor Bikaner treffen wir an unserem ersten Zwischenziel ein, dem Rattentempel von Deshnok. Ich werde mit den üblichen Instruktionen losgeschickt. Es ist viel los. Die Gläubigen stehen mit ihren Opfergaben Schlange. Ich darf an der Schlange vorbei in den Teil des Tempels, der nicht zum Altar führt. In einer Ecke sitzt ein Musiker, über Lautsprecher schallen irgendwelche Ansagen oder Gebete durch das Gebäude, über allem liegt Stimmengewirr.
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Ach ja, da war doch noch was? In einer Ecke sitzen die ersten beiden Ratten. Auf der Erde liegt Futter und Dreck, die Ratten fühlen sich wohl. Immer mehr tauchen auf in Nischen und Kammern. Die Menschen dazwischen völlig ungerührt, ein Mann liegt auf dem Boden und schläft. Ein anderer sitzt neben der vollsten Rattennische nur etwa 5 Meter weiter auf dem Boden und backt Brot. Kinder krabbeln auf dem Boden. Ich überlege jeden Schritt, komme in einen Raum, in dem Gläubige den Ratten säuerlich riechende Milch in große Gefäße gießen.
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Ein paar Kilometer weiter halten wir um zu essen. Die Kamelfarm öffnet erst um 15 Uhr und nach einem Tag ohne Frühstück habe ich Kohldampf. Wir bestellen und während wir auf das Essen warten, sehe ich mich um. Auch hier flitzen zwei Ratten durch den Raum, der eher einer Werkhalle gleicht, in dem ansonsten ausschließlich indische Männer etwas essen, Tee trinken oder sich Leitungswasser in den Mund fließen lassen, das vorher aus einem großen Plastikfass in den Krug gegossen wurde. Jemand wischt den Tisch mit einem Lappen ab, der entweder aus anthrazitfarbenem Stoff besteht oder aber so dreckig ist, als ob jemand damit im Kohlebergwerk Staub gewischt hat. Mich beachtet irgendwie niemand.
Ich glaube, heute ist der bisher klischeehafteste Indientag meiner Reise, wenn man an die vielen Horrorgeschichten denkt, die man bei der Vorbereitung einer solchen Reise so hört über "indische Verhältnisse". Aber komisch, irgendwie fühlt es sich deutlich harmloser und selbstverständlicher an als wenn man solche Geschichten vor einer Reise liest.
Auf der Kamelfarm muss ich mir dringend erst einmal die Füße waschen wegen des Rattendrecks und schlendere dann über das wenig aufregende Gelände. Ein Kamel kostet umgerechnet so viel wie das iPad, auf dem ich gerade schreibe und ist somit für einen Inder ein sehr hoher Wert. Kamele ohne Ende, außerdem kann man Leder- und Milchprodukte vom Kamel kaufen. Anil warnt mich Milch zu trinken. Offenbar soll diese aphrodisierend wirken, das geht nicht, wenn ich ohne Mann unterwegs bin, meint er. Aber schon, weil ich heute wegen meines Bauches vorsichtig sein will, verzichte ich darauf, schätze aber, dass ich auch mit der Milch hätte an mich halten können und nicht über den nächstbesten Inder hergefallen wäre. Ohnehin wirkt kaum einer der Herren, mit denen ich bisher zu tun hatte, als ob er das Kama Sutra beherrscht.
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Die paar letzten Kilometer nach Bikaner sind schnell abgesessen und Anil fährt mich zum wiederum schönen, aber auch eher schlichten Hotel Harasar Haveli ohne "Firlefanz" mit wiederum äußerst netten Inhabern und sehr aufmerksamen und angenehmen Mitarbeitern und einem farbenfroh eingerichteten Zimmer. Nach dem Einchecken fährt er mich in die Altstadt und so ist sein Job für heute beendet. Zurück will ich laufen.
Ich fotografiere von außen das Fort, für eine Besichtigung bleibt keine Zeit. Es sind Wolken aufgezogen, jede Menge Sand weht durch die Stadt, ohrenbetäubender Lärm von Motoren und dem ständigen Gehupe auch hier. Ich werde angesprochen und angebettelt. Meistens sind es wohl Guides, die den Kontakt zu mir knüpfen wollen um mir dann ihre Dienste anzubieten. Einem stark verkrüppelten Mann gebe ich einen kleinen Schein, hier kann ich nicht anders.
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Der kurze Rückweg ist gut zu finden, die Straße ist breit, und es ist nicht viel Verkehr. Auf dem Weg sehe ich die letzte Ratte des Tages am Straßenrand in der Kanalisation verschwinden. Ich gehe abseits des direkten Innenstadtbereiches noch vorbei an kleinen und eher profan wirkenden Tempeln, in denen aber stimmungsvolle Zeremonien abgehalten werden.
Noch eine Merkwürdigkeit am Wegesrand:
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Relativ kurz nach Einbruch der Dunkelheit bin ich wieder am Hotel und sitze nun nach dem Essen auf dem Dach, wo es recht ruhig ist. SMS von Anil, ob es mir gut geht und ob ich in der Stadt oder am Hotel bin. Ja, danke, alles okay. Später läuft er mir noch über den Weg, als ich unten vor dem Hotel sitze und die Fotos sichte. Wir sehen sie gemeinsam an. Ich sähe "cute" aus, meint er bei einem Bild von mir. Danke schön für das Kompliment!
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