25 Jahre später... Eine Reise hinter die Mauer im Kopf - Polen 2014 Die Mauer muss weg... Ja, ich gebe zu, auch ein viertel Jahrhundert nach der Wende und nach fast 20 Jahren, die seit meiner eigenen Umsiedelung hinter den ex-eisernen Vorhang vergangen sind, habe ich mich niemals groß um die Nachbarn im Osten geschert. Prag kenne ich, da war ich zu Chemnitz-Zeit
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23.06.2014
25 Jahre später... Eine Reise hinter die Mauer im Kopf - Polen 2014
9.6.2014: Krakau erleben
Im Hotel ist es sehr leise, wenn man nur nicht das Zimmerfenster öffnet wie ich es gestern vor dem Schlafengehen gemacht habe. Der Lärm der Straße macht mich früh wach. Ich habe noch einige Zeit, erst um 10 Uhr öffnet das Museum in der Fabrik Schindlers. Also trinke ich in Ruhe Kaffee und surfe das Internet leer.
Als ich das Hotel verlasse, ist es schon sehr heiß, aber in Schindlers Fabrik ist es klimatisiert. Weil Montag ist, kostet es keinen Eintritt.
Das Museum zeigt die Entwicklung Krakaus von den ersten Anfängen der Besetzung der Stadt durch die Nazis über Schindlers Liste bis hin zu einem bedrückend kahl gehaltenen Raum, der an das Schicksal der vielen Juden der Stadt erinnert. Es ist sehr gut aufgemacht mit vielen Videos und Tondokumenten, allerdings ist es etwas unübersichtlich, sodass man bei den vielen Nischen und vor lauter Text und Bildern an den Wänden gar nicht weiß, was man denn lesen soll und wo man am besten anfängt.
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Zum Museum gehört eine Cafeteria. Hier hoffe ich auf eine Kleinigkeit zum Frühstück und ein Wasser, aber irgendwie scheint die Cafeteria gerade okkupiert zu sein vom örtlichen Stromanbieter. Bedauernswerte Menschen in sicherlich viel zu warmen Tierkostümen in den Farben des Konzerns hüpfen herum und bespaßen Grundschulkinder.
Wo ich einen Kaffee bekomme, weiß ich nicht, aber irgendwie nehmen sich mehrere Leute Tellerchen mit Muffins und Becher mit Kakao, die offenbar kostenfrei für die Kinder hier stehen. Keine Ahnung, ob es sich hierbei um die Begleitung der Kinder handelt, die auch alle Muffins mampfen. Ich stibitze mir mangels Ansprechpartner für Kaffee und mangels Alternative auch etwas und hoffe, ich habe nun keinen Erstklässler um sein Frühstück gebracht.
Überhaupt ist es nicht das erste Mal in Polen, dass ich den Eindruck habe, dass es zwar Vorschriften gibt, dass aber niemand es krumm nimmt, wenn man sich nicht daran hält. Ist es Nachsicht oder Gleichgültigkeit oder Höflichkeit, dass man hier so ziemlich alles machen kann ohne zurechtgewiesen zu werden, Hauptsache man fährt nicht mit dem Roller auf den Wawel?
Ich gebe zu, ich habe ein wenig mit Polen gefremdelt. Zu viele Vorurteile im Kopf über Shoppingtouren von Deutschen eines gewissen Schlages knapp über die Grenze um Billigkram zu kaufen und zwei sehr kurze Eindrücke bei bisher zwei Hüpfern über die Grenze, jeweils schon vor vielen Jahren. Zu viele Vorurteile im Kopf zu bestimmten Typen, die ich zu sehen erwartet habe, zu viele Vorurteile im Kopf zu Relikten aus dem Sozialismus. Aber ich werde konsequent angenehm überrascht seit ich angekommen bin.
Ich binde Idefix vom Fahrradständer los und rollere Richtung Kazimierz zurück über die Weichsel. Hier will ich mich heute näher umsehen.
Kazimierz ist das alte jüdische Viertel, wohl seit einigen Jahren erst wiederentdeckt und sehr im Kommen. Mehrere Synagogen, zwei jüdische Museen, ein alter jüdischer Friedhof warten und viele, viele kleine Lädchen und Kneipen. Hier scheint auch die Backpackerszene zu Hause zu sein, darauf weisen zumindest die zahlreichen Hostels hin. Schaut man allerdings mal in den einen oder anderen Hinterhof der Wohnhäuser, gewinnt man einen Eindruck, wie dieses Viertel über mehrere Jahrzehnte ausgesehen haben muss.
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Ich besuche das Galicia Jewish Museum und das jüdische Museum in der alten Synagoge. Ich binde Idefix an und gehe zu Fuß durch die Gassen. Zum einen ist hier alles so dicht beieinander, dass das Rollern nicht lohnt, zum anderen macht es auf dem Kopfsteinpflaster, das hier überwiegend liegt, auch wenig Spaß.
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In einer Kneipe werde ich hier allerdings veräppelt. Auf meiner Rechnung steht nur mein Essen, den Betrag für das Wasser nennt der Kellner mir mündlich. Ich bin ziemlich sicher, dass ich lauwarmes Leitungswasser statt des bestellten Mineralwassers mit Sprudel bekommen habe und der Kellner die 8 Zloty an der Kasse vorbei seinem Trinkgeld zugeführt hat, aber egal, das Essen war sehr gut.
Ich hole Idefix ab und roller nochmals zum Wawel um die Kathedrale zu besichtigen. Wieder darf Idefix nicht rein. Der gestrenge Wächter pfeift ihn unerbittlich zurück. Mich sticht der Hafer und ich beginne erneut eine Diskussion, dass Idefix kein Fahrrad sei. Das scheint gar nicht gut für den Blutdruck des gestrengen Wächters zu sein, und bevor ich riskiere erschossen zu werden oder ihm der Kopf platzt, binde ich Idefix lieber wieder an ein Metallgeländer.
Es ist viel los, vorwiegend Schulklassen von Grundschülern wuseln herum, aber auch ein paar Reisegruppen. Hier möchte ich nicht Lehrerin sein und ständig rote, weiße oder gelbe Kappen zurückpfeifen müssen.
Die Kathedrale gefällt mir übrigens gar nicht, auch wenn sie hoch gelobt wird. Sie hat kein durchgehendes Kirchenschiff, sondern ist ziemlich verbaut durch Unterteilungen. Mit den vielen Leuten bekomme ich fast Platzangst. Genervt mache ich mal wieder etwas unkommentiert bleibend Verbotenes. Ich winde mich um eine Absperrung herum und verlasse das Gotteshaus auf kürzestem Weg. Puuuuuh, bin wieder in Freiheit!
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Runter geht es in Schussfahrt auf den Rynek. Ich will die Underground Tour besuchen und Krakau von unten besichtigen, finde sie aber nicht. Na, macht nichts. Ohnehin steht im Reiseführer, dass man die Tickets vorreservieren soll. Sicher ist es da deutlich kühler als hier, aber ein Eis tut seinen Dienst auch sehr schön.
Dafür gehe ich in die Marienkirche, die deutlich hübscher ist als die Kathedrale.
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Nun ist es etwa 16 Uhr. Das Collegium Maius kenne ich noch nicht, das Universitätsviertel. Also los. Hübsche rote Backsteinbauten und eine ruhige Atmosphäre gibt es hier, besonders im schattigen Professorengarten.
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Und nun? Ich erinnere mich an einen Flyer, den ein höflicher junger Mann mir heute Mittag in Kazimierz in die Hand gedrückt hat. Er preist Klezmermusik in der Isaak-Synagoge an. Ich krame ihn heraus und stelle fest, dass es gut passt mit dem Beginn um 18 Uhr, wenn ich über die begrünte Promenade rollere, die die Altstadt umgibt.
Das Konzert ist klasse. Die nicht einmal 40 Hände, die sich hier versammelt haben, spenden eifrig Applaus, und die Musiker haben ihn verdient.
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Ich suche mir eines der nahen Restaurants und esse zu Abend. Heute trinke ich koscheren Wein zum Essen, irgendwie verführt Polen schon sehr zum Trinken, aber der Wein passt so schön zum Essen und der Stimmung und dem schönen Sommerabend.
Ich werde wie so oft ausgesprochen nett und höflich behandelt, ganz ohne dieses angestrengte "ich besinne mich ganz korrekt auf meine Manieren" so vieler deutscher Servicekräfte, aber ich habe heute ja auch schon eine andere Variante erlebt.
Ziemlich früh bin ich wieder im Zimmer. Der Tag war voll genug und durch die Hitze anstrengend. Heute entscheide ich mich für die Klimaanlage statt für das geöffnete Fenster.
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