25 Jahre später... Eine Reise hinter die Mauer im Kopf - Polen 2014 Die Mauer muss weg... Ja, ich gebe zu, auch ein viertel Jahrhundert nach der Wende und nach fast 20 Jahren, die seit meiner eigenen Umsiedelung hinter den ex-eisernen Vorhang vergangen sind, habe ich mich niemals groß um die Nachbarn im Osten geschert. Prag kenne ich, da war ich zu Chemnitz-Zeit
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23.06.2014
25 Jahre später... Eine Reise hinter die Mauer im Kopf - Polen 2014
MI, 11.6.2014: Zwischenstopp in Warschau
Heute mache ich mich auf in Richtung Norden. Ich habe mich so ziemlich auf spätes Schlafen eingependelt und werde heute nur höchst unfreiwillig und mit Wecker wach.
Ich halte mich aber ran und bin trotzdem gegen 9 Uhr auf der Strecke nach Warschau. Irgendwann noch im Stadtgebiet Krakaus empfiehlt die Navi mir für 182 km oder so geradeaus zu fahren. Au weia. Ich korrigiere meine interne Ankunftszeit und beschließe, diese von 13 Uhr auf etwa 17 Uhr zu verschieben.
Indische Fahrweise ist hier stellenweise angesagt. So gelassen und höflich die Männer hier auch normalerweise sind, so sehr üben sie das Recht des Stärkeren aus, wenn man ihnen nur eine Karre gibt, die groß genug ist. So ist mir schon auf der Fahrt nach Breslau jemand aufgefallen, der auf der Autobahn so dicht hinter mir war, als würde er gerade einparken. Und hier ohne Linksabbiegerspuren, mit Traktoren auf der Straße, streckenweise sehr schlechter ausgefahrener Straße und nur raren Überholspuren, ist das vielleicht sogar angesagt, wenn man einigermaßen vorwärts kommen will.
Es geht durch liebliche wellige Landschaften mit viel rotem Mohn auf den Feldern und auch gelben, weißen und blauen Farbtupfern zwischendurch im satten Grün, so weit das Auge reicht.
Auf halber Strecke wird es landschaftlich weniger ansehnlich, dafür wird die Straße besser, sodass ich fast pünktlich, wie von der Navi vorhergesagt, doch nach gut vier Stunden die knapp 300 Kilometer hinter mich gebracht habe. Die Parkplatzssuche gestaltet sich mühsam, dieses Hotel hat keinen Parkplatz, aber ich finde relativ schnell eine Parklücke und kann den Automaten auch gleich mit Geld bis morgen zur Abfahrt füttern.
Die DaSilva Apartments liegen zentral in der Nähe des Kulturpalastes, sind aber bei weitem nicht so schön wie das Galaxy in Krakau, dafür aber teurer.
Nun aber fix in die Stadt, ich habe hier schließlich nur den einen Nachmittag. Idefix braucht auch noch seinen heutigen Auslauf...
Während Krakau sich klassisch gibt und viel "gute alte Zeit" und Mahnmal an die schlechten Zeiten vermittelt, präsentiert sich Warschau modern und aufstrebend. Es bleibt der Stadt auch nicht viel Anderes übrig, denn auch in der Innenstadt sind noch etliche sozialistische Relikte vorhanden, die vor der Wende für "Hauptstadtatmosphäre" sorgten und nicht gerade mit Beschaulichkeit assoziiert werden. Es gibt aber auch sehr moderne neue Gebäude, und das Alte ist wieder aufgebaut in der Altstadt, denn Warschau ist im Krieg sehr stark zerstört worden. Die Gegend um den Kulturpalast erinnert von der Atmosphäre her ein wenig an Chemnitz.
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Über die belebte Nowy Swiat rollere ich in die Altstadt. Hier sind viele Lädchen, Kneipen, alles frisch und modern anzusehen. Und auch hier gibt es wieder Kopernikus.
Warschau gibt sich wirklich Mühe, an allen möglichen Ecken sind Ausstellungen zur Stadtgeschichte, und auch hier gibt es freies WIFI in der Stadt.
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Aus Zeitgründen entscheide ich mich gegen jede Innenbesichtigung und sehe mir nur ein bisschen den Palast, den Stare Miasto und Nowe Miasto an, die Seejungfrau, das Wahrzeichen der Stadt. Komisch, was hat die denn hier verloren, hier ist doch weit und breit kein Meer?
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Ich rollere weiter in das Viertel, in dem früher das Ghetto war. Alt ist hier gar nichts mehr, bzw. ist das, was nach dem Krieg hier aufgebaut wurde, nun auch schon wieder altmodisch. Das Viertel ist gesichtslos. Dennoch erinnern einige Stellen an die Geschichte dieses Stadtteils: Das neue Museum zur Geschichte der polnischen Juden, direkt daneben die Gedenktafel für den Kniefall Willy Brandts und das Denkmal am Umschlagplatz, von dem aus die Juden der Stadt nach Treblinka verbracht wurden.
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Es geht wieder zurück. Mir ist flau und ich bin müde. Ich habe heute im Grunde noch keine richtige Mahlzeit gehabt und außerdem wohl bei den immer noch ziemlich heißen Temperaturen zu wenig getrunken. Ich kann heute irgendwie keine Piroggen und kein Fleisch sehen und entscheide mich für einen Italiener, der einen Spinatsalat mit Gorgonzola, Walnuss und Birne für mich hat und etwas fade Spaghetti mit Meeresfrüchten und viel Coke zero.
Mit frischer Kraft rollere ich auf die andere Seite der Weichsel, hier soll ein Viertel im Kommen sein, das ich noch kurz ansehen will.
Zuerst komme ich an der wirklich sehr fantasievoll und toll gemachten Unibibliothek vorbei, die ich erst für das Kopernikusmuseum halte, das ich noch zumindest von außen ablichten will. Die Unibibliothek in der ungewöhnlich angelegten Grünanlage gewinnt ganz eindeutig gegen das Museum, das so innovativ und toll sein soll.
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Aber die Ecke, die so angesagt sein soll, verbirgt sich wieder mal geschickt vor mir. Hier ist es nun wirklich eher wie Marzahn light, und hier scheint viel getrunken zu werden. Dafür sehe ich auf einem nach Lenin benannten Platz ohne Ausgang das Pendant zum Chemnitzer "Nischel" und bin beruhigt ob so viel vom Eindruck her Vertrautem. Also alles passt zusammen.
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Entgegen aller Unkerei gefällt es mir in Warschau gut, die Stadt strahlt Innovation und Moderne aus. Die ganz alte Zeit, der Sozialismus und die Moderne prägen das Stadtbild. Aber so ist es bei einem Menschen ja auch und macht dessen Unverwechselbarkeit aus, nämlich dass man ihm ansieht, dass er schon viel erlebt hat. Allerdings muss man schon ein wenig ein Faible haben für das Erbe der Zeit von 1945 bis 1989.
Ich bin immer noch KO und entscheide mich für das Hotelzimmer, den Reisebericht und das Sichten der Fotos. Für heute habe ich genug erlebt, und morgen geht es ja schon weiter.
Der Fernseher läuft nicht mehr lange. Übrigens gibt es hier in jedem Hotel bisher mindestens einen deutschen Sender, und wenn es "nur" der KIKA ist. Hier allerdings haben ZDF und 3SAT leider nur den Ton, nicht aber das Bild. Ich stelle also um auf einen polnischen Sender. Sehr merkwürdig, amerikanische Spielfilme laufen im Original, aber ein männlicher Sprecher übersetzt wie ein Simultandolmetscher jeden Satz, völlig emotionslos. Dabei geht viel der Atmosphäre der Filme verloren. Ich glaube, dann hätte ich doch lieber das Original mit Untertiteln.
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